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Kongenitale Muskeldystrophie

CMD

Kongenitale Muskeldystrophie (KMD) ist ein allgemeiner Terminus, der sich auf eine Gruppe von Erbkrankheiten bezieht, die durch früh auftretende Muskelhypotonie und -schwäche, progressiven Muskelschwund und gegebenenfalls Malformationen des Auges und des zentralen Nervensystems gekennzeichnet sind. Die Schwere der Erkrankung, die Lebensqualität des Betroffenen sowie die Lebenserwartung variieren von Fall zu Fall. Eine kausale Therapie steht nicht zur Verfügung und es kann nur unterstützend behandelt werden. Für die Versorgung eines KMD-Patienten spielen Physiotherapie, orthopädische Hilfsmittel, chirurgische Eingriffe und, wenn erforderlich, respiratorische Unterstützung eine zentrale Rolle.


Symptome

Kongenitale Muskelhypotonie und schwache Spontanbewegungen bzw. das Fehlen von Spontanbewegungen sind oft die ersten Hinweise auf eine KMD [1]. Betroffene Neugeborene werden auch als "floppy infants", zu Deutsch etwa "schlaffe Kinder", bezeichnet. Zuweilen haben diese Kinder enorme Schwierigkeiten bei der Atmung und bei der Nahrungsaufnahme. In Fällen einer solch schweren Erkrankung ist die Lebenserwartung meist nur sehr kurz. Diejenigen allerdings, die an einer milderen Form der KMD leiden, zeigen erst im Laufe der Zeit leichte bis mittelschwere Verzögerungen in ihrer motorischen Entwicklung. Werden die Eltern eines solchen Kindes nach dem Zeitpunkt des erstmaligen Auftretens von Symptomen gefragt, so können sie diesen in der Regel nur schlecht definieren. Vielleicht stellen sie ihren Nachwuchs im Säuglingsalter oder in der Kindheit vor, weil grobmotorische Meilensteine erst verspätet erreicht werden. Manche von ihnen erreichen die unabhängige Gehfähigkeit, andere hingegen nicht. In jedem Fall nimmt die Muskelschwäche im Laufe der Zeit zu, der Phänotyp des Patienten verändert sich. Anfänglich unauffällige Gesichtszüge wandeln sich, bis die Betroffenen schließlich ein typisches myopathisches Aussehen annehmen. Makrozephalie mag auffallen, z.B. wenn T-Shirts nur schlecht über den Kopf des Kindes gezogen werden können. Die Beweglichkeit der Gelenk nimmt immer weiter ab und KMD-Patienten neigen zu Wirbelsäulenverkrümmungen wie Skoliose, Kyphose und Lordose. Diejenigen, die die unabhängige Gehfähigkeit erlangt haben, verlieren sie unter Umständen wieder.

Die Muskeldystrophie kann auch die Augenmuskulatur betreffen, was beim KMD-Patienten zur Ophthalmoplegie führt. Auch Missbildungen okulärer Strukturen wurden wiederholt bei betroffenen Individuen beobachtet. Zu solchen Missbildungen zählen Mikrophthalmie, Mikrokornea, Irishypoplasie, flache vordere Augenkammer und flacher Kammerwinkel mit Glaukom, Katarakte, retinale Kolobome und Ablatio retinae, Hypoplasie oder Fehlen des Nervus opticus. Besonders häufig treten diese Fehlbildungen bei jenen Patienten auf, bei denen die KMD auf eine abnorme Glykosylierung von α-Dystroglykan zurückzuführen ist [1].

Eine Beteiligung des Herzen ist ebenfalls möglich. Die KMD kann mit einer primären Kardiomyopathie und Arrhythmien einhergehen, aber auch zum Rechtsherzversagen infolge einer restriktiven Lungenerkrankung führen.

Neben Symptomen, die sich aus Anomalien der Muskulatur und der Augen ergeben, sind zentralnervöse Störungen für einige Arten der KMD typisch. Tatsächlich gehören Erkrankungen des Zentralnervensystems gar zu den wichtigsten Parametern, wenn es darum geht, einzelne Formen der KMD zu unterscheiden: Sie sind bei den meisten α-Dystroglykanopathien zu erwarten, jedoch nicht bei der KMD Typ 1C [2]. Bei Patienten, die an der KMD Typ 1A leiden, wird eine geistige Retardierung nur selten festgestellt, während etwa jeder Dritte an Krampfanfällen leidet. Dennoch zeigen sich in der bildgebenden Diagnostik charakteristische Anomalien der weißen Substanz [1]. Störungen der geistigen Entwicklung sind nicht typisch für die KMD Typ Ullrich und die Bethlem-Myopathie.

Krampfanfall
  • Bei Patienten, die an der KMD Typ 1A leiden, wird eine geistige Retardierung nur selten festgestellt, während etwa jeder Dritte an Krampfanfällen leidet.[symptoma.com]
  • Bis zu diesem Zeitpunkt waren keine cerebralen Krampfanfälle aufgetreten. Der Kopfumfang lag 97. Perzentile (initial 25. P.). CK-Erhöhung auf 650 U/l.[thieme-connect.com]
  • Zerebrale Krampfanfälle und neurologische Komplikationen erfordern spezifische Behandlung. Prognose Die Prognose dieser Muskeldystrophien ist sehr schwer, ein hoher Anteil der Kinder erreicht nicht die Adoleszenz.[orpha.net]
  • Manchmal treten leichte mentale Entwicklungsstörungen und zerebrale Krampfanfälle auf. Zusätzlich können die Patienten an Leukenzephalopathie, Kardiomyopathie oder Epilepsie leiden.[ruhr-uni-bochum.de]
Schwäche
  • Er beschreibt verschiedene Erbkrankheiten, die durch früh auftretende Muskelhypotonie und -schwäche sowie ein hohes Risiko für restriktive Lungenerkrankungen und skelettale Deformitäten gekennzeichnet sind.[symptoma.com]
  • Muskeldystrophie ist eine genetische Erkrankung, die bewirkt, dass die Muskeln zu degenerieren, was zu Schwäche und Koordinationsprobleme.[pckarl.net]
  • Muskeldystrophie ist eine genetische Erkrankung, die die Muskeln verursacht zu degenerieren, was zu Schwäche und Koordinationsprobleme.[de.nous-utile.info]
  • Symptome sind Hypotonie und Schwäche der Gliedmaßen- und Rumpfmuskulatur. Atem- und Fütterprobleme können hinzukommen. Die motorische Entwicklung ist verzögert und eingeschränkt, Sitzen und Stehen ist nur mit Hilfe möglich.[orpha.net]
Dysphagie
  • Zu den Spätkomplikationen im höheren Alter gehören Dysphagie und Mangelernährung ebenso wie Nierensteine, tiefe Beinvenenthrombosen oder Diabetes mellitus. Auch hinsichtlich der Therapie erscheinen neue Optionen am Horizont. Prof.[ch.universimed.com]
Strabismus
  • Aennes Bruder Henry, geb. 29.04.2006, hat ebenfalls Besonderheiten, die Einzeldiagnosen sind: Hochgradige Balkenhypoplasie, -Nierenaplasie Rechts, - Sehbehinderung/Strabismus, Muskelhypotonie, Kyphose, Skoliose, Starke Entwicklungsstörungen Hier schreibt[dasanderekind.ch]
Hörverlust
  • […] hypokaliämische periodische Paralyse, periodische thyreotoxische Paramyotonia congenita Eulenburg Periodische Paralyse Periodische Paralyse, Kalium-sensitive kardiodysrhythmische Periodische Paralyse, genetisch bedingte Periphere Neuropathie-Myopathie-Heiserkeit-Hörverlust-Syndrom[se-atlas.de]
  • Hörverlust und Nephrotoxizität) abgewogen werden. Stop-Codon-Readthrough (Translarna , Wirkstoff: Ataluren) Über einen ähnlichen Mechanismus wirkt auch das Medikament Ataluren (Handelsname TranslarnaTM).[klinikum.uni-muenchen.de]
Muskelschwäche
  • Die gemeinsamen klinischen Merkmale der kongenitalen Muskeldystrophien sind eine von Geburt an (kongenital) bestehende Muskelschwäche mit Muskelhypotonie und verzögerter motorischer Entwicklung.[de.wikipedia.org]
  • Nur eines von 20.000 Kindern kommt mit einer Muskelschwäche zur Welt oder entwickelt sie im Verlauf des Lebens. Die Ursachen können sehr vielfältig sein.[aerzteblatt.de]
  • Die in der Regel progredient verlaufende Muskelschwäche zusammen mit Gelenkkontrakturen, einer Skoliose, spinalen Deformitäten und respiratorischer Insuffizienz führt häufig zu einer verringerten Lebenserwartung.[mgz-muenchen.de]
  • […] cerebrale Beteiligung CMD Typ Fukuyama: schwere generalisierte Muskelschwäche und mentale Retardierung Muscle-eye-CMD: ausgeprägte Muskelschwäche mit Augenbeteiligung, großer Kopf, Spastik möglich, cerebrale Beteiligung möglich Walker-Warburg-Syndrom[med2click.de]
  • Ursache Klinische Erscheinungen Die Erkrankung beginnt in den ersten Lebensmonaten Muskelschwäche und Muskelhypotonie. Die motorische Entwicklung ist deutlich verzögert.[godic.net]
Muskelhypotonie
  • Die gemeinsamen klinischen Merkmale der kongenitalen Muskeldystrophien sind eine von Geburt an (kongenital) bestehende Muskelschwäche mit Muskelhypotonie und verzögerter motorischer Entwicklung.[de.wikipedia.org]
  • Ziel und Lerneffekt: Ausgeprägte pathologische ZNS-Veränderungen bei Makrocephalus und bestehender Muskelhypotonie sollten differentialdiagnostisch auch primäre Muskelerkrankungen mit einbeziehen.[thieme-connect.com]
  • Er beschreibt verschiedene Erbkrankheiten, die durch früh auftretende Muskelhypotonie und -schwäche sowie ein hohes Risiko für restriktive Lungenerkrankungen und skelettale Deformitäten gekennzeichnet sind.[symptoma.com]
  • Betroffene Kinder zeigen schwere generalisierte Muskelhypotonie und Schwäche. Neonatal kann es zu Schluck- und Atemstörungen kommen. Freies Stehen/Laufen wir nur selten erlernt.[ruhr-uni-bochum.de]
Muskelatrophie
  • : Kongenitale Muskeldystrophie Diagnostik zu: Kongenitale Muskeldystrophie Diagnostik Kongenitale Muskeldystrophie Zur diagnostischen Abklärung der kongenitalen Muskeldystrophie sind relevant: neurologische Untersuchung : Inspektion auf umschriebene Muskelatrophien[med2click.de]
  • Muskelatrophie, infantile, X-chromosomale Spinale Muskelatrophie, proximale Spinale Muskelatrophie, proximale, Typ 1 Spinale Muskelatrophie, proximale, Typ 2 Spinale Muskelatrophie, proximale, Typ 3 Spinale Muskelatrophie, proximale, Typ 4 Spinale Muskelatrophie[se-atlas.de]
  • […] vollständig während der zweiten oder dritten Lebensdekade manifestiert; Im Verlauf zunehmende myopathische Fazies und evtl. auch externe Opthalmoplegie; Während der ersten beiden Lebensjahre ist der CK-Wert auf über das Fünffache erhöht, mit zunehmender Muskelatrophie[mgz-muenchen.de]
  • Morbus Duchenne Spinale Muskelatrophie (SMA) Erworbene Hirnschädigungen Wachkoma Locked-In-Syndrom Apallisches Syndrom Infantile Zerebralparese Critical-Illness-Syndrom Halsmarklähmungen Tumorbedingte Erkrankungen Gendefekte Stoffwechselerkrankungen[gip-intensivpflege.de]
Hüftluxation
  • „Schlaffheit“ auf sowie auch Gelenksteifheit, Hüftluxation (ausgekugeltes Hüftgelenk) und Kyphoskoliose (Verkrümmung der Wirbelsäule).[santhera.de]
  • Kongenitaler Muskeldystrophie torticollis (WFC) - eine derdie häufigsten Erkrankungen von Neugeborenen und 2-3 erfolgt nach angeborenen Hüftluxation und angeborene Klumpfuß.[de.mymedinform.com]

Diagnostik

Aufgrund der Heterogenität der KMD und weiterhin bestehenden Zweifeln an den genetischen Ursachen bestimmter Typen der Erkrankung sind anamnestische und klinische Daten nach wie vor die tragenden Säulen der Diagnose. Es ist wichtig, folgende Fragen zu klären [1]:

  • Ob die Symptome bereits bei der Geburt bestanden oder später eingesetzt haben
  • Wie die Krankheit verlaufen ist, insbesondere ob eine zunehmende Muskelschwäche und ein progressiver Muskelschwund oder eine Muskelhypertrophie beobachtet wurde
  • Wann und wo Gelenkkontrakturen oder eine erhöhte Gelenkschlaffheit aufgetreten sind und ob sich daraus skelettale Deformitäten, Atemnot oder Rechtsherzinsuffizienz ergeben haben. Während eine diffuse Verteilung von Gelenkkontrakturen typisch für α-Dystroglykanopathien ist, sind bei Patienten, die an einer Kollagen VI-assoziierten KMD leiden, proximale Gelenkkontrakturen und eine erhöhte Schlaffheit der distalen Gelenke zu erwarten.
  • Inwieweit eine Einschränkung kognitiver Fähigkeiten besteht bzw. wie das zentrale Nervensystem und die Augen in das Krankheitsgeschehen involviert sind. Es wird empfohlen, eine Magnetresonanztomographie des Kopfes durchzuführen, um Anomalien der weißen Substanz zu erkennen, die auch bei normaler Intelligenz bestehen können. Andere Befunde, die bei KMD-Patienten erhoben werden können, sind Hydrozephalus, Hypoplasie von Hirnstamm und/oder Kleinhirn, Kleinhirnzysten, Cobblestone-Lissenzephalie und Polymikrogyrie.
  • Ob Hautveränderungen wie hypertrophe Narben und Keloide auszumachen sind

Wichtigster Befund der Analyse von Blutproben ist die gering- bis hochgradige Erhöhung der Kreatinkinase, aber spezifische Resultate, die eine Diagnose erlauben würden, werden im Labor nicht erzielt. Die höchsten Konzentrationen der Kreatinkinase werden in den Proben gemessen, die von Patienten stammen, die an der KMD Typ 1A (primärer Merosinmangel) oder einer α-Dystroglykanopathie (sekundärer Merosinmangel) leiden.

Um eine zuverlässige Diagnose stellen zu können, muss Muskelgewebe, das im Rahmen einer Biopsie gewonnen wird, histologisch untersucht werden und genetische Analysen sind durchzuführen. In der Regel wird zunächst eine Magnetresonanztomographie der Skelettmuskulatur realisiert, bevor entschieden wird, welcher Muskel bioptiert werden soll. In der mikroskopischen Untersuchung des nativen Präparats werden unspezifische dystrophische Veränderungen der Muskelfasern erkennbar, z.B. eine ungewöhnliche Variabilität der Fasergröße, degenerierte Fasern, Fibrose und Lipomatose [3]. Aufschlussreicher sind die Befunde nach immunhistochemischer Färbung des Präparats zur Darstellung glykosylierten α-Dystroglykans, der α2-Untereinheit von Laminin und Kollagen VI - im Zusammenhang mit klinischen Befunden rechtfertigen sie einen Verdacht auf einen bestimmten Typ der KMD [4]. Schließlich kommen molekularbiologische Verfahren zum Einsatz, um die kausale Mutation zu identifizieren. Weil in jüngster Zeit vermehrt Kits verwendet werden, mit denen sich das Probenmaterial auf verschiedene KMD-assoziierte Mutationen in unterschiedlichen Genen testen lässt, gelten Muskelbiopsien heute nicht mehr als unbedingte Voraussetzung für die Diagnose einer KMD, wenn diese weiterhin durch anamnestische und klinische Daten begründet ist [1].

Therapie

Eine kausale Therapie steht bisher nicht zur Verfügung und nach aktuellem Kenntnisstand kann das Fortschreiten der Erkrankung auch pharmakologisch nicht verzögert werden. Deshalb wird ausschließlich unterstützend behandelt. Um die Lebensqualität Betroffener zu verbessern, bedarf es eines multidisziplinären Ansatzes. Der Patient profitiert am ehesten von einer maßgeschneiderten Therapie, die auf seine individuellen Bedürfnisse im aktuellen Krankheitsstadium und den Fortschritt der KMD abgestimmt ist. Physiotherapeutische Betreuung und orthopädische Vorrichtungen sind in vielen Fällen hilfreich, aber zuweilen sind dennoch chirurgische Eingriffe notwendig. Einige Patienten sind zudem auf Atemhilfen, nicht invasive Atemunterstützung oder mechanische Beatmung angewiesen. Generell sollte Betroffenen und ihren Familien auch psychologische Hilfe angeboten werden.

Prognose

Die Prognose im Einzelfall ist abhängig vom Typ der KMD: Schwere Verlaufsformen führen oft früh zum Tod, während diejenigen mit leichter KMD meist bis ins Erwachsenenalter überleben und sich dabei eine relativ hohe Lebensqualität erhalten. Die KMD verläuft generell progressiv. Selbst wenn über kurze Zeiträume kein Fortschreiten der Erkrankung oder sogar eine Verbesserung erkennbar sein kann, kommt es langfristig doch zu zunehmender Schwäche, Muskelschwund im Bereich der Gliedergürtel, Gelenkkontrakturen und Wirbelsäulenverkrümmungen, die dem Patienten den Alltag immer mehr erschweren [1].

Ätiologie

KMD sind genetisch bedingte Erkrankungen, die hauptsächlich autosomal-rezessiv vererbt werden. Aber auch autosomal-dominante Erbgänge wurden beschrieben, insbesondere in Fällen Kollagen VI-assoziierter KMD. Wenn im Rahmen der familiären Anamnese und Stammbaumanalyse die Vererbung der vorliegenden Erkrankung geklärt werden kann, lässt sich die Liste möglicher Differenzialdiagnosen meist deutlich kürzen.

Grundsätzlich wird empfohlen, einen Verdacht auf eine KMD mithilfe von Sequenzierungen abzuklären. Bis heute sind Mutationen in über 30 Genen beschrieben, die mit der KMD in Zusammenhang gebracht wurden [4]. Wenn die Ergebnisse genetischer Analysen interpretiert werden, ist zu berücksichtigen, dass bestimmte Typen der KMD durch Mutationen in unterschiedlichen Genen verursacht werden können. Auf der anderen Seite mögen Mutationen eines bestimmten Gens zu verschiedenen Typen der KMD führen - eine Tatsache, die noch einmal unterstreicht, wie wichtig es ist, anamnestische, klinische und labordiagnostische Daten im Kontext zu bewerten. Weiterhin konnten bestimmte Typen der KMD, z.B. die KMD Typ 1B, bislang noch keinem Gendefekt zugeordnet werden [5]. Deshalb bleiben die molekularen Ursachen einiger Fälle trotz des Einsatzes modernster Verfahren nach wie vor ungeklärt [4] [6] [7].

Für eine detaillierte Auflistung der Typen der KMD und zugehöriger Mutationen wird auf die Literatur verwiesen [8].

Epidemiologie

In Italien wurde die Prävalenz der KMD auf <1 je 100,000 Einwohner geschätzt [6]. In der zitierten Studie wurden 336 Patienten berücksichtigt und in 220 Fällen konnte der Erkrankung eine kausale Mutation zugeordnet werden. Bei rund 40% aller Patienten wurde eine KMD aufgrund abnormer Glykosylierung von α-Dystroglykan festgestellt, 24% der Betroffenen litten an einer KMD mit Merosinmangel und 20% an Kollagen VI-assoziierter KMD [6]. Es ist jedoch zu berücksichtigen, dass Inzidenz und Prävalenz der KMD, insbesondere bestimmter Typen der KMD, zwischen unterschiedlichen geographischen Regionen variieren. Die Muskeldystrophie Typ Fukuyama beispielsweise, die zur Gruppe der KMD mit unzureichender Glykosylierung von α-Dystroglykan zählt, ist eine der häufigsten autosomal-rezessiv vererbten Erkrankung in Japan, wird aber nur sehr selten außerhalb dieses Landes diagnostiziert. Die Inzidenz dieser Variante der KMD erreicht in Japan bis zu 4 von 100,000 Geburten [9].

Geschlechtsverteilung
Altersverteilung

Pathophysiologie

Dystrophin ist ein für die physiologische Muskelfunktion essenzielles Protein. Es ist im Sarkolemm lokalisiert, d.h. in der Membran der quergestreiften Muskelzelle. Dystrophin gehört zum Zytoskelett und eine seiner wichtigsten Funktionen ist die Verankerung der Aktinfilamente der Muskelfaser in der Plasmamembran. Dabei ist das Protein Teil eines Komplexes, der aus mehreren Untereinheiten besteht, dem sogenannten Dystrophin-assoziierten Glykoproteinkomplex. Dieser Komplex schafft eine physische Verbindung zwischen den Aktinfilamenten und dem Dystrophin im Zellinneren und der Basalmembran, die die Muskelfaser umgibt. Die meisten der Gene, die mit der KMD in Zusammenhang gebracht werden, codieren für Proteine, die entweder Teil des Dystrophin-assoziierten Glykoproteinkomplexes sind oder dessen Funktion beeinflussen. Die KMD Typ 1A beispielsweise wird durch Mutationen des LAMA2-Gens verursacht, das für die Untereinheit α2 des Laminins codiert, das in der Basalmembran exprimiert wird. Die Glykosylierung von α-Dystroglykan, Komponente des Dystrophin-assoziierten Glykoproteinkomplexes und Rezeptor für extrazelluläre Matrixproteine, ist bei Patienten gestört, die an der Muskeldystrophie Typ Fukuyama, der Muskel-Augen-Gehirn-Krankheit oder der KMD Typ 1B, 1C oder 1D leiden [2] [8] [10].

Prävention

Betroffenen Familien kann eine genetische Beratung sehr von Nutzen sein. Genetische Analysen sollten durchgeführt werden, um die Sequenzanomalien zu identifizieren, die im Einzelfall zur KMD geführt haben, und um herauszufinden, von welchem Elternteil sie vererbt wurden. Genaue Kenntnisse zum Genotyp sind wiederum sehr hilfreich, wenn es darum geht, ob zukünftige Eltern, deren Familienmitglieder an einer KMD leiden oder litten, Träger mutierter Gene sind und ob das Risiko besteht, dass auch der eigene Nachwuchs erkrankt. Im Idealfall erfolgen all diese Untersuchungen vor der Schwangerschaft. Aber auch im Rahmen der Pränataldiagnostik ist es möglich, zu beurteilen, ob ein Kind an einer KMD erkranken wird [1].

Zur Prophylaxe der KMD durch De-novo-Mutationen können keine Empfehlungen gegeben werden.

Zusammenfassung

KMD ist ein allgemeiner Terminus, der sich auf eine heterogene Gruppe von Erbkrankheiten bezieht. Diese Krankheiten haben jedoch vieles gemein: Sie resultieren aus Mutationen von Genen, die für Proteine codieren, die für die physiologische Muskelfunktion erforderlich sind, und werden vererbt. Erste Symptome sind bereits bei der Geburt erkennbar oder entwickeln sich früh. Zudem besteht bei Betroffenen ein hohes Risiko für restriktive Lungenerkrankungen und skelettale Deformitäten [11].

Bevor genetische Analysen allgemein verfügbar waren, basierte die Diagnose der KMD hauptsächlich auf den Befunden der histologischen Untersuchung von Biopsieproben. Verschiedene Typen der KMD wurden deshalb anhand pathohistologischer Veränderungen im Muskelgewebe definiert [12] [13]. In jüngerer Zeit konnten den meisten Formen der KMD jedoch Sequenzanomalien zugeordnet werden und das Klassifikationsschema wurde mehrfach überarbeitet [3]. Weitere Aktualisierungen sind zu erwarten.

Aktuell umfasst der Begriff KMD mindestens die folgenden Erkrankungen:

  • KMD mit abnormer Glykosylierung von α-Dystroglykan, z.B. Muskeldystrophie Typ Fukuyama, Muskel-Augen-Gehirn-Krankheit einschließlich Walker-Warburg-Syndrom, KMD Typ 1C, KMD Typ 1D
  • KMD mit Merosinmangel (KMD Typ 1A)
  • Kollagen VI-assoziierte KM, einschließlich KMD Typ Ullrich und die Bethlem-Myopathie, wobei letztere wohl eine einzige Entität repräsentieren
  • KMD mit Integrinmangel
  • Andere Typen der KMD, z.B. Rigid-Spine-Syndrom, KMD mit Lamin-A/C-Mangel, KMD Typ 1B

Patientenhinweise

Kongenitale Muskeldystrophie (KMD) ist ein allgemeiner Begriff. Er beschreibt verschiedene Erbkrankheiten, die durch früh auftretende Muskelhypotonie und -schwäche sowie ein hohes Risiko für restriktive Lungenerkrankungen und skelettale Deformitäten gekennzeichnet sind. All diese Erkrankungen werden durch Mutationen von Genen verursacht, die für Proteine codieren, die für den Erhalt der normalen Muskelfunktion notwendig sind. Symptome einer KMD sind oft schon bei der Geburt erkennbar, treten aber zuweilen auch erst im Säuglings- oder Kindesalter auf. KMD verlaufen generell progressiv und gehen mit immer deutlicheren Verzögerungen in der motorischen Entwicklung einher. Die Schwere der Erkrankung variiert jedoch von Fall zu Fall: Während eine schwere KMD früh zum Tode führt, überleben diejenigen, die an einer leichten KMD erkrankt sind, oft bis ins Erwachsenenalter und erhalten sich dabei eine relativ hohe Lebensqualität.

Progressiver Muskelschwund ist nicht das einzige Symptom der KMD. Weitere mögliche Befunde sind:

Das Alter der Patienten beim Auftreten bestimmter Symptome, die Art und Entwicklung skelettaler Deformitäten sowie die Beteiligung der Augen, des Nervensystems und des Herzens am Krankheitsgeschehen sind für den Arzt wichtige Hinweise bei der Differenzierung verschiedener Typen der KMD. Neben klinischen Daten sind dazu aber auch die Ergebnisse histologischer Untersuchungen von Muskelgewebeproben und genetischen Analysen zu berücksichtigen.

Leider steht bis heute keine kausale Therapie zur Verfügung und Betroffene können nur unterstützend behandelt werden. Ein multidisziplinärer Ansatz ist nötig, um die Lebensqualität der Patienten möglichst lange Zeit möglichst hoch zu halten. Dazu bedarf es häufig Physiotherapie, orthopädischer Hilfen, chirurgischer Eingriffe und Atemunterstützung.

Quellen

Artikel

  1. Sparks SE, Quijano-Roy S, Harper A, et al. Congenital Muscular Dystrophy Overview. In: Adam MP, Ardinger HH, Pagon RA, et al., eds. GeneReviews® [Internet]. Seattle (WA): University of Washington, Seattle; 1993-2017.
  2. Muntoni F, Torelli S, Brockington M. Muscular dystrophies due to glycosylation defects. Neurotherapeutics. 2008; 5(4):627-632.
  3. Falsaperla R, Praticò AD, Ruggieri M, et al. Congenital muscular dystrophy: from muscle to brain. Ital J Pediatr. 2016; 42(1):78.
  4. O'Grady GL, Lek M, Lamande SR, et al. Diagnosis and etiology of congenital muscular dystrophy: We are halfway there. Ann Neurol. 2016; 80(1):101-111.
  5. Brockington M, Sewry CA, Herrmann R, et al. Assignment of a form of congenital muscular dystrophy with secondary merosin deficiency to chromosome 1q42. Am J Hum Genet. 2000; 66(2):428-435.
  6. Graziano A, Bianco F, D'Amico A, et al. Prevalence of congenital muscular dystrophy in Italy: a population study. Neurology. 2015; 84(9):904-911.
  7. Ravenscroft G, Davis MR, Lamont P, Forrest A, Laing NG. New era in genetics of early-onset muscle disease: Breakthroughs and challenges. Semin Cell Dev Biol. 2017; 64:160-170.
  8. Reed UC. Congenital muscular dystrophy. Part I: a review of phenotypical and diagnostic aspects. Arq Neuropsiquiatr. 2009; 67(1):144-168.
  9. Saito K. Fukuyama Congenital Muscular Dystrophy. In: Adam MP, Ardinger HH, Pagon RA, et al., eds. GeneReviews® [Internet]. Seattle (WA): University of Washington, Seattle; 1993-2017.
  10. Martin-Rendon E, Blake DJ. Protein glycosylation in disease: new insights into the congenital muscular dystrophies. Trends Pharmacol Sci. 2003; 24(4):178-183.
  11. Gilbreath HR, Castro D, Iannaccone ST. Congenital myopathies and muscular dystrophies. Neurol Clin. 2014; 32(3):689-703, viii.
  12. Kihira S, Nonaka I. Congenital muscular dystrophy. A histochemical study with morphometric analysis on biopsied muscles. J Neurol Sci. 1985; 70(2):139-149.
  13. McMenamin JB, Becker LE, Murphy EG. Congenital muscular dystrophy: a clinicopathologic report of 24 cases. J Pediatr. 1982; 100(5):692-697.

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Zuletzt aktualisiert: 2019-07-11 19:36